Review of The Lord of the Rings and the Western Narrative Tradition

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The following review appeared in Inklings-Jahrbuch 26 (2008) on pages 294-296, and is reproduced here with kind permission.

(Review in German)

Simonson, Martin. The Lord of the Rings and the Western Narrative Tradition. Zurich and Jena: Walking Tree Publishers, 2008. 250 S., 11,50.

Mit dieser Studie legt der in Spanien lebende Martin Simonson eine englische Übersetzung bzw. Überarbeitung seiner Dissertation vor, was — dies sei schon zu Beginn gesagt — sehr zu begrüßen ist, da dieser Arbeit eine gründliche und aufmerksame Rezeption nur gewünscht werden kann. Denn auch ich bin davon überzeugt, dass diese Arbeit — wie Thomas Honegger in seinem Geleitwort schreibt — "is going to provide a new impulse to Tolkien studies and that his theory will prove able to develop and evolve by means of incorporating new insights and discoveries" (5).

Tatsächlich hat sich Simonson keine geringere Frage vorgenommen als diejenige nach dem Genre des Lord of the Rings, wobei er zugleich versucht, zwei Forschungsrichtungen zu kombinieren, nämlich diejenige nach den von Tolkien verwendeten Quellen und diejenige nach der 'applicability' in den geschichtlichen und kulturellen Bedingungen des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeitshypothese lautet, die Originalität des Lord of the Rings bestehe in seiner ähigkeit, eine große Zahl literarischer Traditionen in Dialog miteinander zu bringen, wobei dies immer in einem konkreten literarischen Kontext geschieht.

Um dies auszuführen, bespricht Simonson zunächst nach einer kurzen Einführung die vier hauptsächlichen Genres in der westlichen narrativen Tradition: Epos (von Homer bis Beowulf), Romanze (vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert), moderner Roman (von gothic novel bis hin zu fantasy novels) und Mythos. Dies bildet auch den Ausgangs- und Referenzpunkt für die im vierten Kapitel erfolgenden Vergleiche der verschiedenen Traditionen im Lord of the Rings. Anschließend widmet er sich den ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Tolkiens Werk und dem von Kriegsautoren wie Owen, Sassoon, Thomas, Gurney oder Graves als auch von modernen Autoren wie Eliot, Pound und Joyce vertretenen 'Ironic Myth'. Tolkien unterscheide sich von diesen vor allem durch die Leichtigkeit und Beweglichkeit, mit der die verschiedenen Traditionen bei ihm interagieren, sowie durch die dauernde Erkundung ihrer Begrenzungen. Mittelerde könne als künstliche Konstruktion eines neuen Chronotops gesehen werden, was eben erst einen so dynamischen intertraditionellen Dialog erlaube.

Während Simonsons Ausführungen hierzu sehr klar und überzeugend sind, liegt das eigentliche Potential seiner Arbeit im vierten Kapitel, in dem er detailliert und kenntnisreich die Dynamik des intertraditionellen literarischen Dialogs in The Lord of the Rings untersucht und aufschlussreiche Schlussfolgerungen anbietet. Ich nenne nur zwei Beispiele: So bestätigen in den ersten Kapiteln die Charaktere Bilbo, Gandalf, Frodo und Sam die Möglichkeit von Abenteuern und den Einschluss dunkler, fantastischer Elemente in ein Narrativ, das als eine Mischung aus bürgerlichem Märchen und humoristischem bzw. bäuerlichem Roman aus dem 19. Jahrhundert beginnt. Prägnant deutlich wird ein solcher Dialog der Traditionen beim Erscheinen der Schwarzen Reiter im Shire sowie bei der Begegnung mit den Elben. Während Frodo bei letzterer in der Lage ist, sich an die nun eher Züge einer Romanze tragende Situation anzupassen, fällt dies Sam und Pippin als deutlich dem Roman verhaftet wesentlich schwerer, was sich schon an ihrer Sprache zeigt.

Bei der Analyse der Entwicklung Aragorns zeigen sich zahlreiche Traditionen — in Bree zeigt er Züge einer Figur sowohl aus einem Epos als auch aus einem Abenteuerroman, in Rivendell verbindet er vor allem die Traditionen der Romanze und des Epos, was in Lórien weitgehend auf die der Romanze eingeschränkt wird, wohingegen er auf der Verfolgungsjagd durch Rohan Charakteristika aller drei Traditionen aufweist. Bei den Schlachten in Rohan erscheint er als ein Held aus einem Epos, in Isengard wechselt er zum Abenteuerroman, während er in Minas Tirith wieder als Held einer Romanze bzw. eines Epos erscheint. Schließlich aber endet er mit der Romanze, vermutlich weil er als König Verantwortlichkeit und Stabilität zeigen muss, was grundlegenden Zügen eines epischen Heldes widerspricht.

Über diese beiden Beispiele hinaus bespricht Simonson die Episode mit Tom Bombadil, Rivendell, die Minen von Moria, wo sich an der Brücke von Khazad-dúm christliche und pagane Tradition begegnen, Gandalf als Botschafter der Valar, sowie Frodo und Sam. Der intertraditionelle Dialog kommt am Feld von Cormallen zu seinem Ende, was ganz deutlich bei den Protagonisten Frodo, Aragorn und Gandalf zu sehen ist. Die weitgehend in der sehr flexiblen Tradition der Romanze stehende Heimreise der Hobbits erhält damit auch die Funktion, sukzessive abzubauen und zugleich die Entwicklung dieser Tradition zu illustrieren — beginnend in der mittelalterlichen Tradition und immer schwächer werdend, je näher sie Bree kommen — bis sie imShire mit demRoman des 19. Jahrhunderts verschmilzt.

Simonson beschließt seine Arbeit mit einem zusammenfassenden Blick, in dem er die Hauptzüge jeder Tradition im Lord of the Rings nennt und somit die Unmöglichkeit einer eindeutigen Genre-Zuschreibung unterstreicht. "The result is a narrative that transmits, while updating and renewing, the narrative legacy of our own past" (224). Damit ähnele er zwar Modernisten wie Eliot, Pound und Joyce, unterscheide sich von diesen aber durch die kohärenten und gut kontextualisierten Bezüge zur inneren Geschichte seiner Sekundärwelt wie auch durch den Wunsch, eine Hoffnungsbotschaft der modernen Welt durch eine in entfernter Vergangenheit spielenden Legende zu vermitteln; es entsteht eine "meta-narrative of hope for the twentieth century" (225).

THOMAS FORNET-PONSE

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