Review of Wagner and Tolkien: Mythmakers

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The following review was published in Inklings Jahrbuch vol. 31 (2013) and is reproduced here with kind permission

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(Review in German)

Vink, Renée. Wagner and Tolkien: Mythmakers. Zurich and Jena: Walking Tree Publishers, 2012. 300 pp., CHF 20,00.

MacLachlan, Christopher. Tolkien and Wagner: The Ring and Der Ring. Zurich and Jena: Walking Tree Publishers, 2012. 234 pp., CHF 20,00.

Auch wenn schon früh über mögliche Bezüge zwischen Tolkien und Wagner spekuliert wurde, fehlte bislang eine Monographie zu dieser Thematik. Nun liegen mit den Studien von Vink und MacLachlan gleich zwei Bücher vor, die sich aus verschiedenen Perspektiven diesen beiden Autoren widmen. Obwohl sich angesichts dieses grundlegenden Charakters ihrer Untersuchungen gewisse Überschneidungen nicht vermeiden lassen – u. a. hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den bisherigen Forschungsbeiträgen –, setzen sie doch deutlich unterschiedliche Akzente. Während MacLachlan aufgrund zahlreicher Ähnlichkeiten zwischen beiden Werken von einer klaren Beeinflussung Tolkiens durch Wagner ausgeht und auf dieser Basis Tolkiens Werk von Wagners Ring her deutet, widmet sich Vink ausführlicher den Parallelen und Unterschieden zwischen beiden Autoren und plädiert eher für einen negativen Einfluss, sodass Tolkiens keineswegs als Imitator oder Epigone bezeichnet werden könne. Des Weiteren wirkt ihre Argumentation ausgewogener als diejenige MacLachlans, der zuweilen zu überspitzten Folgerungen bezüglich des Einflusses Wagners auf Tolkien kommt. Dies könnte auch daran liegen, dass Vink Tolkiens Werk und die Sekundärliteratur besser kennt und zu verwerten vermag als MacLachlan dies in seinen andere Werke eher selten zitierenden Ausführungen unter Beweis stellt. Nichtsdestoweniger sind beide Werke lesenswert und bieten eine Fülle an interessanten Beobachtungen und weiterführenden Hinweisen, wenngleich mich Vink mehr überzeugt hat.

Ihre Studie umfasst nach einer Einleitung drei Teile (mit insgesamt 14 Kapiteln), von denen sich der erste u. a. mit Tolkiens Kenntnis von Wagner, den verwendeten Quellen, den verschiedenen bislang eingenommenen Positionen zu einer möglichen Beeinflussung Tolkiens durch Wagner sowie anderen einschlägigen Forschungsbeiträgen zu beiden Autoren auseinandersetzt. Sie betont dabei die Komplexität eines Vergleiches beider Ringgeschichten aufgrund des kontroversen Charakters von Wagners Person und Werk, Tolkiens oft zitierter Verneinung einer Ähnlichkeiten zwischen beiden Ringen sowie den von beiden gemeinsam verwendeten Quellen. Gleichwohl lassen sich einige Ähnlichkeiten – die meisten von ihnen beziehen sich auf den Ring – nicht durch diese erklären und sprechen nach Vink für einen negativen Einfluss, insofern Tolkien etwas berichtigen wollte, was Wagner seiner Ansicht nach verdreht habe.

Im zweiten Teil widmet sich die Autorin ausführlich dem Mythenschaffen Wagners und Tolkiens und arbeitet sehr sorgfältig vier wichtige Parallelen und Spiegelsituationen heraus. Zum einen seien beide in die Arbeit an einem nationalen Mythos involviert – Wagner folgt der entsprechenden Generation deutscher Dichter, Philosophen und Philologen, die damit die Einheit einer Kultur ohne politischen Zusammenhalt fördern wollten, Tolkien folgt eher dem Vorbild der Kalevala –, das sie unterschiedlich erfolgreich abschließen: Während Wagners Werk der von seinen Vorgängern gesuchte (und im 20. Jahrhundert missbrauchte) nationale deutsche Mythos wurde, entstand aus Tolkiens Versuchen einer Mythologie für England mit The Lord of the Rings ein Werk, das zu einem Mythos über sein Land hinaus wurde. Eine weitere Parallele besteht hinsichtlich des von beiden geteilten Interesses an der Natur und ihrem Missfallen über ihre Zerstörung und die korrumpierende Macht des Bösen. Wiederum spiegelbildlich verhält sich ihre Bevorzugung scheinbar gegensätzlicher Genres: Drama und Fantasy. Während Tolkien in On Fairy-Stories deutlich für das Medium des Wortes eintritt und meint, phantastische Formen könnten auf der Bühne die "suspension of disbelief" nicht bewirken, verstand sich Wagner zunächst und zumeist als Dramatiker, ohne damit Märchen und das phantastische Element auszuschließen. Angesichts seines Wunsches nach einer unsichtbaren Bühne sieht Vink indes beide Positionen als gar nicht so gegensätzlich wie auf den ersten Blick anmutend an. Schließlich zeigt sie, wie der offensichtliche Gegensatz bezüglich des Ende des jeweiligen Werkes – der Ring ende tragisch, The Lord of the Rings in Freude – durch die Verlusterfahrungen und den Übergang von Mythos zu Geschichte in Tol- kiens Werk sowie den Hoffnungsschimmer am Ende des Ringzyklus aufgehoben wird. "Their mournfully joyous and hopefully tragic conclusions had best be categorised as open endings: here, mirror situation and parallel coincide" (165).

Im dritten Teil untersucht Vink einige etwas technischere Aspekte der Beziehung zwischen Wagner als philologischem Amateur und Tolkien als professionellem Philologen. Abgesehen von der Frage, ob Tolkien bewusst war, dass Wagner die Quellen nicht treu wiedergeben wollte, kann seine eigene Neudichtung The Legend of Sigurd und Gudrún als Ausdruck seines Ärgers darüber verstanden werden, dass die Öffentlichkeit Wagners Zyklus für das Original hält, was er zu korrigieren suchte. Auch war Wagner zwar ein philologischer Amateur, aber ein sehr gut informierter, wie seine Verwendung aller verfügbaren Übersetzungen und diverser wissenschaftlicher Werke sowie seine linguistische Vielseitigkeit belegen. Gerade sprachlich bestehen mit der Verwendung von Archaismen, Wortspielen, Alliterationen etc. große Ähnlichkeiten. Während Wagner als erster den Stabreim konsistent verwendet (wenngleich er zuweilen gegen Grundregeln verstößt und primär den natürlichen Sprachmustern folgen wollte), zeigen Tolkiens Dichtungen seine zunehmende Meisterschaft im alliterativen Metrum, das er überdies anders als Wagner nicht als Mittel zum Zweck verwendet. Schließlich vergleicht Vink Wagners Ringzyklus mit Tolkiens eigener Nachdichtung und arbeitet wichtige Parallelen heraus – beispielsweise der Beginn mit der Erschaffung der Welt, die zweifache Vorhersage des Untergangs der Götter in Legend oder die stärkere Rolle Odins im Vergleich zu den Originalquellen –, sieht aber die Unterschiede als bedeutender an. Wagner verwende die Quellentexte eher als Blöcke in einer neuen Konstruktion, wohingegen Tolkien die wahrscheinlichste Version der Geschichte zu rekonstruieren scheint, dabei aber durchaus auch eine eigene Agenda verfolgt. Sehr unterschiedlich sind auch ihre Antworten auf das "Königsproblem" der konfligierenden Versionen der Nibelungengeschichte, da Tolkien Sachen auslässt und Wagner starke Änderungen vornimmt. "Yet neither solution is entirely flawless: the wishes and needs of their creators had the last word" (267).

In ihrem Nachwort plädiert sie schließlich dafür, am ehesten von einem negativen Einfluss zu sprechen, der auch mit ihren sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und Zielen zu tun habe; man solle auch keinen Wettstreit zwischen ihnen initiieren, sondern sie als natürliche Verbündete ansehen. "Both were great mythmakers for their times and for times to come, both were enemies of absolute power and oppression, and it is perhaps less relevant where the resemblance ceases" (272).

Wie schon erwähnt, ist die Grundthese MacLachlans deutlich zugespitzter, wenn er eine Deutung des The Lord of the Rings auf der Basis von Wagners Werk anbietet. Diese unternimmt er in acht Kapiteln, die durch zwei Anhänge (eine Zusammenfassung von Der Ring des Nibelungen sowie eine knappe Auseinandersetzung mit The Legend of Sigurd and Gudrú n) ergänzt werden. Das erste Kapitel widmet sich ausführlich dem Forschungsstand und den unterschiedlichen Positionen zum Einfluss Wagners auf Tolkiens, wozu wie bei Vink neben inhaltlichen Argumenten auch biographische Hinweise auf eine gründliche Auseinandersetzung Tolkiens mit Wagners Werk berücksichtigt werden. Anschließend wendet sich der Autor unter Rekurs auf entsprechende Ausführungen David Goldmans den oberflächlicheren Ähnlichkeiten zwischen beiden Werken zu (z. B. Alberich und Sauron schmieden jeweils Ringe der Macht; der Ring verleiht seinem Träger die Weltherrschaft; Fafnir bzw. Gollum lebt für Jahrhunderte in einer Höhle etc.), die er aus- führlich erläutert und darlegt, welche davon seiner Ansicht nach überzeugend sind und welche weniger. Die auf den ersten Blick sporadisch wirkenden Parallelen weisen zusammengenommen auf eine gemeinsame Narrative hinter den Details hin, die jenseits einfacher Ähnlichkeiten "profounder similarities of meaning and purpose" (63) nahelegen.

Um dies genauer zu untersuchen, widmet sich das nächste Kapitel der Frage, worum es in The Lord of the Rings eigentlich gehe, und diskutiert dabei auch Tolkiens Überlegungen zur Literatur. MacLachlan distanziert sich von biographischen Analysen und plädiert auf der Grundlage verschiedener Äußerungen Tolkiens zum Tod als zentrales Thema großer Literatur dafür, Tod und Unsterblichkeit, die damit verbundenen unterschiedlichen Umgangsweisen mit der Welt sowie eine Rechtfertigung menschlicher Sterblichkeit als zentral auch für dessen Werk anzusehen. Darüber hinaus vergleicht er – um die Nähe der Tolkien'schen Überzeugung zur Moderne zu unterstreichen – Tolkiens Zugang mit Simone de Beauvoirs Roman Tous les hommes sont mortels und sieht "a deeper connection of ideas and attitudes" (84), auch wenn keine literarische Beziehung bestehen sollte. Da sich moderne Literatur beson ders durch die Dynamik der Beziehungen der einzelnen Charaktere auszeichnet, lenkt dieser hermeneutische Schlüssel den Blick auf Gandalf und seine Rolle sowohl in The Lord of the Rings als auch in The Hobbit. Letzteren stellt MacLachlan aufgrund der zahlreichen Strukturähnlichkeiten zwischen beiden Werken im vierten Kapitel als Paradigma vor und die Entscheidungen Gandalfs und Bilbos mit ihren Konsequenzen für die Geschichte heraus. Bei Gandalf betont er zum einen dessen Zurückhaltung und Entscheidung, die Freiheit anderer möglichst zu respektieren, und zum anderen die Ähnlichkeit zu seiner Rolle in The Lord of the Rings. Folgerich- tig widmet sich das fünfte Kapitel der Frage, wer Gandalf ist, was zunächst werkintern und anschließend unter Rekurs auf Tolkiens Äußerungen dazu erfolgt. Der Gandalf des The Lord of the Rings ist eine konsistente Entwicklung des Gandalfs aus The Hobbit und illustriert deutlich das Paradox der Macht, die Macht nicht gegen den Willen anderer zu nutzen. "The final end, represented in The Lord of the Rings by the destruction of the Ring, does not justify the use of any means that overbear the minds, the free will, of others" (122). Darin sieht MacLachlan eine deutliche Parallele zu Wotan aus Wagners Werk, der er sich im sechsten Kapitel zuwendet. Die Ähnlichkeiten bestehen zum einen in ihrem Wesen und ihren Handlungen, zum anderen in ihrer Funktion in der Narrative als zentralen Figuren, die andere Charaktere organisieren. Weitere parallele Figuren sind Aragorn und Siegfried, Éowyn und Gutrune, während Denethor die Gunther-Figur ist, allerdings ohne Hagen. Diese Parallelen zwischen Schlüsselfiguren in beiden Werken rechtfertigen es nach MacLachlan, Tolkiens Werk im Licht von Wagner zu lesen, was er im siebten Kapitel unternimmt. Hierzu stützt er sich vor allem auf Finding an Ending: Reflections on Wagner's 'Ring' von Philip Kitcher und Richard Schacht, die den philosophischen Kern des Ring in der Auseinandersetzung mit dem Sinn eines menschlichen Lebens angesichts der Endlichkeit, des Fehlens und Scheiterns ausmachen. "It is not that a life has to be entirely successful to be meaningful but only that it should make an honest attempt to be so. We must not burden ourselves with impossible all-or-nothing criteria for success, because in the end we all fail, and 'Alles was ist, endet'. The real message of The Lord of the Rings [...] lies in this insight into choosing an ending" (167). Im achten und letzten Kapitel bündelt MacLachlan seine Argumentation für einen Einfluss Wagners auf Tolkien, indem er ausführlich auf dem einschlägigen Aufsatz Michael Scott Rohans rekurriert und besonders die verwandten Situationen und Themen sowie die von beiden Werken behandelten großen Ideen hervorhebt.

THOMAS FORNET-PONSE

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