Review of The Broken Scythe

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The following review was published in Zeitschrift für Fantastikforschung (May 2014) and is reproduced here with kind permission

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(Review in German)

Arduini, Roberto und Claudio Testi, Hg. The Broken Scythe: Death and Immortality in the Works of J.R.R. Tolkien. Zürich: Walking Tree, 2012.

"In der Literatur geht es immer um Liebe oder Tod, alles andere ist Mumpitz" – so die legendäre Sentenz von Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett (Döpfner). Eigentlich hätte der Kritiker Tolkien mögen müssen. Dieser stellte 1968 im Interview fest: "human stories are practically always about one thing, aren't they? Death" (Sibley). Definiert man 'Liebe' im christlichen Sinn als Bereitschaft, sein Leben für den Nächsten zu opfern, so ist man schon nah dran am Herrn der Ringe. "The real theme for me", so Tolkien explizit, "is about [...] Death and Immortality: the mystery of the love of the world in the hearts of a race 'doomed' to leave and seemingly lose it; the anguish in the hearts of a race 'doomed' not to leave it, until its whole evil-aroused story is complete" (Brief 186, Carpenter 246). Diese weitergehenden Konnotationen der Begriffe 'Tod' und 'Liebe' allerdings sind der Grund, warum Reich-Ranicki den Herrn der Ringe (1954) wohl nie gelesen hat. Zu Tolkien und Fantasy im Allgemeinen befragt, antwortete er:

Sie amüsiert [...] mich nicht. Wozu sollte ich sie dann lesen? Um mich über dies und das belehren zu lassen? Für solche, vielleicht höchst lobenswerte Bemühungen sollte man die Kunst nicht missbrauchen. Und sie wird immer missbraucht, wenn sie ausdrücken will, was populärwissenschaftliche Schriften besser und auch überzeugender ausdrücken können. (Hock)

Dieses Urteil ließe sich bei aller polemischen Überspitzung auch auf den vorliegenden, nicht immer leicht zu lesenden Sammelband zum Thema 'Tod und Unsterblichkeit' in J.R.R. Tolkiens Werk anwenden. Man mag Tolkiens Geschichten 'amüsant' finden oder nicht – unbestreitbar bleibt, dass philosophische, religiöse, historische und moralische Bezüge die Grundlage und das Fundament der narrativen Oberfläche bilden. Dies gilt insbesondere für die Frage nach dem Sinn des Todes. "For all its beer-and-mushrooms hobbitry", so Verlyn Flieger in ihrer kurzen Einführung zu The Broken Scythe, "its epic battles and fairy tale adventures in mysterious woods, the real strength of The Lord of the Rings resides in its dark side, its concern – carried over from its parent mythology of The Silmarillion – with death and deathlessness" (xxiv).

Um so erstaunlicher ist es, dass diese nur scheinbar selbstverständlichen Begriffe erst seit Ende der 90er Jahre kritisch hinterfragt werden – insgesamt listet der themenbezogene Abschnitt der umfangreichen Bibliografie von The Broken Scythe gerade einmal 25 'Studies Concerning Death and Immortality' auf. Weniger erstaunlich, dass es eine italienische Studien- und Diskussionsgruppe war, die den ersten Sammelband vorgelegt hat, fühlt sich die italienische Literaturkritik doch seit jeher (religions-)philosophischen und historischen Zusammenhängen verpflichtet. Das Ergebnis, publiziert unter dem Titel La Falze spezzata: Morte e immortalità in J.R.R. Tolkien (2009) und jetzt intern übersetzt, ist, um es mit einem Wort zu sagen, heterogen: Eine heterogene Gruppe von Journalisten, Übersetzern, Philosophen, Religionswissenschaftlern, Computerspezialisten, Elektronikingenieuren und Historikern befasst sich methodisch heterogen – essayistisch, anekdotisch, nacherzählend-werkimmanent, formelhaft präzise – mit den diversen Aspekten von Tod und Unsterblichkeit – Erinnerung, Melancholie, Endlichkeit, Schmerz, Trauer, Gedenken, Zeit – in Tolkiens auch inhaltlich heterogenem Werk. Insgesamt bietet der Sammelband einerseits einen umfassenden Überblick über die Evolution der titelgebenden Begriffe in Tolkiens Gedankenwelt und seinem Legendarium, andererseits eine Sammlung von Interpretationen, Thesen und Einsichten zwischen den Zeilen, die Anregungen für weitere Arbeiten geben können. Was die Einbindung in die bestehende Forschungslage angeht, so hätte man sich mitunter eine bessere Aufarbeitung (oder Vermittlung) der relevanten anglo-amerikanischen Sekundärliteratur gewünscht, bekommt kompensatorisch aber einen Einblick ins Feld der theologisch und philosophisch geprägten italienischen Tolkien-Kritik. Wie Thomas Honegger in seinem Series Editor's Preface sagt: "The translation [...] does not deny its origin in the Italian tradition" (xi).

Das beste Beispiel für diese Tradition findet sich gleich im ersten der neun Beiträge, Franco Mannis 33 Seiten langer essayistischer Quellensammlung "A Eulogy of Finitude: Anthropology, Eschatology and Philosophy of History in Tolkien". In diesem schwierig zu lesendem 'Lob der Endlichkeit' befasst sich der Philosoph und Religionswissenschaftler in fünf Kapiteln mit Tolkiens Verhältnis zur Philosophie. En passant definiert er Tolkiens doppelte Vorstellung vom Tod als Trennung von Körper und Seele und Entkommen aus der Welt. Er unterstreicht, dass Ewigkeit nicht endlose Zeit, sondern das Ende von Zeit bedeutet, erläutert, inwiefern Tolkiens Thema der Vergänglichkeit von Völkern dem individuellen Erleben des Menschen entspricht, und geht auf drei Arten von Unsterblichkeit ein, die Tolkien beschrieb: das Leben nach dem Tod als 'wahre' Unsterblichkeit; die 'wahnsinnige' Unsterblichkeit derjenigen, die wie die Nazgûl Sklaven der Macht werden; und die 'melancholische' Unsterblichkeit der Elben (33). Die beiden Letzteren verbindet Manni mit den Begriffen 'Nationalismus' und 'Philologie'. Was Manni nur andeutet, was aber immer wieder auftaucht, ist die Verbindung dieser drei Konzepte von Unsterblichkeit mit den zeitlichen Dimensionen des Lebens im Jetzt, in der Zukunft bzw. der Vergangenheit.

Der folgende Beitrag von Mitherausgeber Claudio Testi befasst sich mit Tolkiens "legendarium as a meditatio mortis" und präsentiert sich formal und inhaltlich als das genaue Gegenteil von Mannis Essay. Methodisch straff und fast enzyklopädisch erforscht dieser sehr nützliche werkgenetische Beitrag die Evolution der Konzepte Tod und Unsterblichkeit in fünf klar definierten zeitlichen Phasen in Tolkiens Werk. Dabei behandelt Testi erst die Elben und dann die Menschen und kommt zu dem Schluss, dass Tolkiens Antwort auf die Frage nach dem Wert des Todes für das Leben der Menschen ein Paradoxon sei: "The more death is looming on the horizon of our lives, the more we open ourselves to a brighter and ultimate hope, whereas the more we ban death from our lives and look for perennial longevity, the deeper we sink into the darkest despair" (68).

In seinem zweiten Beitrag "Logic and Theology in Tolkien's Thanatology", der an vorletzter Stelle des Bandes steht, schließt Testi an diese These an und analysiert vor diesem Hintergrund Tolkiens "Athrabeth Finrod ah Andreth" (1959). Dabei bezieht er sich auf Thomas von Aquin, dessen Summa Theologica (1273) sich in Tolkiens Besitz befand, und konstatiert ein Bemühen Tolkiens, seine doppelte Vorstellung vom Tod in Einklang mit der katholischen Doktrin zu bringen.

Roberto Arduini, Journalist und ebenfalls Mitherausgeber, widmet sich in seinem wieder essayistischen Beitrag "Tolkien, Death and Time: The Fairy Story within the Picture" den theoretischen und fiktiven Texten in Tree and Leaf (1964). Dabei setzt er die Konzepte 'Tod', 'Zeit' und 'Traum' in Beziehung zu Freud, Simone de Beauvoir, Tolkiens Kriegserfahrungen, der Metapher der Lebensreise sowie der Rolle des (alternden) Künstlers in der Welt. Kreativität erscheint als Mittel, Un- sterblichkeit zu erlangen und den Tod zu transzendieren. Eine von Tolkien als "key-spring" (Sibley) des Herrn der Ringe bezeichnete Stelle aus de Beauvoirs Ein sanfter Tod (1964), in der es unter anderem heißt, es gäbe keinen natürlichen Tod, hält Arduini vor dem Hintergrund von Freuds Gedanken für "the key to all of Tolkien's considerations regarding death" (80), ohne dies allerdings näher zu erläutern. Hier hätte man sich eine detailliertere Betrachtung gewünscht.

Dies gilt auch für den Beitrag von Lorenzo Gammarelli, der sich in "On the Edge of the Perilous Realm" dem Thema Verlust und Trauer in etlichen kurzen und unbekannteren Werken Tolkiens widmet. Auf 14 Seiten werden 14 als "Fairy-tales" definierte Texte vor dem Hintergrund der Dichotomien Tod/Unsterblichkeit und Menschenwelt/Fantasy-Welt teils nur oberflächlich behandelt. Das extremste Beispiel ist das Gedicht "Shadowbride", zu dem Gammarelli nur kurz und bündig schreibt: "The basic structure is a paraphrase of Persephone's myth [...], where the concept of shadow replaces that of death." (111).

Ein angenehmer Kontrast zu diesen knappen Betrachtungen ist Alberto Ladavas konzise, flüssig geschriebene Fallstudie "The Wrong Path of the Sub-creator: from the Fall to the Machine and the Escape from Mortality". Am dankbaren Beispiel der Númenórer und der Ringgeister zeigt Ladava, dass für Tolkien der Versuch, Unsterblichkeit zu erlangen, nur auf eine Verlängerung des Leidens in der Welt ohne den Ausweg des Todes hinausläuft. Ursache ist eine machthungrige Einstellung, die zu dem Wunsch, das Leben endlos zu genießen, und letztlich zur Rebellion gegen Gott führt. These und Argumentation, die sich auf Textbelege, Tolkiens Briefe sowie Augustins De Consolatione Philosophiae stützt, sind rund und offensichtlich nachvollziehbar.

Überzeugend und spannend ist auch Simone Bonechis Vergleich des Gedenkens britischer Gefallener im Ersten Weltkrieg mit den Begräbnisriten im Silmarillion (1977) und im Herrn der Ringe. In "'In the Mounds of Mundburg': Death, War and Memory in Middle-earth" belegt Bonechi, dass es jeweils darum ging, den Tod als Folge einer bewussten Entscheidung darzustellen und ihm durch die Betonung der 'ur-englischen' Werte Ehre, Solidarität, Aufopferung, Kameradschaft und Gemeinschaft einen Sinn zu geben. Während der historische Diskurs zu einem Gleichgewicht zwischen kollektiver Erinnerung und individuellem Gedenken findet, dienen die Begräbnisriten in Mittelerde ausschließlich der Identifikation des Einzelnen mit seiner symbolischen Rolle als Teil eines Ganzen. Das 'private' Erinnern bleibt der Erzählung vorbehalten, die auch die heroischen Handlungen des Einzelnen in den Vordergrund rückt, notwendig und legitim in einer gefallenen Welt.

In "Death, Immortality and their Escapes: Memory and Longevity" befasst sich der Religionswissenschaftler Andrea Monda mit den Konzepten 'Langlebigkeit' und 'Erinnerung' als von Tolkien negativ bewerteter, sich der Realität und dem notwendigen Wandel entziehender 'Flucht' vor dem Tod, die in Form medizinischer Lebensverlängerung bzw. übermäžigen Medienkonsums auch in heutiger Zeit feststellbar sei. Seine Analyse der 'longaevi', die die negativen Folgen dieser 'Flucht' für die verschiedenen langlebigen Wesen in Der Herr der Ringe aufzeigen will, wirft allerdings viele Fragezeichen auf. So bleibt zu hinterfragen, ob "languid melancholy" (162) tatsächlich die Sünde sowohl der Elben als auch der Hobbits ist und ob das durch den Ring verursachte Schwinden wirklich dem Schwinden der Elben vergleichbar ist. Ebenfalls fraglich ist, ob Aussagen wie "because of this concrete love for 'things' [...] Frodo und Sam succeed in their mission [sic!]" (ebd.) oder "there are no cycles in the 'Christian' Middle-earth" (167) zutreffen. Ob Denethor wirklich "both the most heathen and the most Elven character ever created by Tolkien" (168) ist, und ob Gandalfs Vergesslichkeit vor den Toren Morias als Zeichen seines Widerstehens gegen die 'Sünde' der Erinne- rung zu werten ist (ebd.), sei schließlich ebenfalls dahingestellt. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass hier Dinge über einen Kamm geschoren werden, die nicht zusammengehören. Tolkien selbst bezieht ja die zwei Arten der 'Flucht vor dem Tod' explizit auf Menschen, deren Problem der Tod und deren Versuchung es ist, sich an die Zeit zu klammern, bzw. auf Elben, deren Problem die Langlebigkeit und deren Versuchung die Fixierung auf die Vergangenheit ist (Brief 208, Carpen- ter 267). Interessant vor diesem Hintergrund Mondas These, dass Aragorn und Arwen jeweils der Versuchung widerstehen, der ihre Vorfahren erlegen sind.

Der letzte Beitrag des Bandes widmet sich unter dem Titel "A Misplaced Envy: Analogies and Differences between Elves and Men on the Idea of Pain" dem psychischen und physischen Schmerz in Tolkiens Legendarium. Locker und mitunter humorvoll hinterfragt Giampaolo Canzonieri, warum einerseits die unsterblichen und in physischer Hinsicht nahezu perfekten Elben überhaupt an Kummer sterben können, und warum andererseits die Menschen die Elben zwar um ihre Langlebigkeit beneiden, nicht aber um ihre offensichtlich weitgehende Freiheit von physischem Schmerz: "Death is certainly epochal, but it is mitigated by the promise of a continuity in a benign although unknown Beyond which nobody, in a Sub-creation apparently devoid of atheists, seems to question openly" (205). Canzonieris Schlussfolgerung, dass Schmerz und Tod sehr unterschiedliche Gefühle auslösen, nämlich "fear" bzw. "dread" (206), das Grauen vor dem 'unbekannten Land' des Jenseits, bringt ihn zum Kernproblem der 'Notwendigkeit des Glaubens' und lässt ihn Arwen in einem ganz anderen Licht interpretieren als Monda: "The necessity of accepting the truth merely with the comfort of faith proves to be an unsustainable effort" (208).

Insgesamt richtet sich The Broken Scythe eher an wissenschaftliche Leser, die sich nicht nur für Tolkien, sondern auch für philosophische Fragestellungen interessieren. Die Summe der Beiträge zeigt die Komplexität seines Denkens ebenso auf wie die Unzulänglichkeit einer schlichten Erwähnung scheinbar of- fensichtlicher Gemeinplätze. Nichtsdestoweniger lässt sich Tolkiens Einstellung zu Tod und Unsterblichkeit vielleicht unter folgender Dichotomie zusammenfassen: Leben = Zeit = Tod; Sterben = Zeitlosigkeit = Unsterblichkeit. Nicht zu sterben, bedeutet, nicht zu leben, oder um noch einmal Reich-Ranicki zu zitieren: "Wir lieben, weil wir sterben müssen" (Müller).

Anja Stürzer

Zitierte Werke

Carpenter, Humphrey. The Letters of J.R.R. Tolkien. 2006. London: HarperCollins, 1997.

Döpfner, Mathias. "Reich-Ranicki und der Satz der ihn immer einholt". Die Welt. 02.06.2010. Web. 11.09.2014. <http://www.welt.de/kultur/article7862704/Reich-Ranicki-und-der- Satz-der-ihn-immer-einholt.html>.

Hock, Tobias. "Ein wunderbarer poetischer Zeitkritiker". Frankfurter Allgemeine Zeitung. 03.04.2007. Web. 11.09.2014. <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/fragen-sie- reich-ranicki/fragen-sie-reich-ranicki-ein-wunderbarer-poetischer-zeitkritiker- 1412655.html>.

Müller, André. "Interview mit Marcel Reich-Ranicki". 02.09.2000. Web. 11.09.2014. <http://www.a-e-m-gmbh.com/andremuller/marcel%20reich-ranicki.html>. Sibley, Brian, Hg. J.R.R. Tolkien: An Audio Portrait. London: BBC Audiobooks, 2001.

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