Review of Tolkien and Philosophy

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The following review appeared in Hither Shore Volume 11 (2014), and is reproduced here with kind permission.

Hither Shore is the journal of the German Tolkien Society (DTG).

Roberto Arduini & Claudio A. Testi (Eds.): Tolkien and Philosophy Zürich/Jena: Walking Tree Publishers, 2014, 159 S.

Mit dem vorliegenden Band – der englischen Version eines schon 2011 in italienischer Sprache erschienenen Tagungsbandes đ verfolgen die Herausgeber das Ziel, die Beziehung zwischen Philosophie und Philologie bei Tolkien genauer in den Blick zu nehmen. Näherhin solle das Buch »in both method and content, an essential point of reference for anyone interested in better understanding the significant connections that sometimes link, sometimes divide, ›philologist‹ Tolkien and the proper philosophical speculation« (11) werden. In Anbetracht von lediglich vier inhaltlichen Beiträgen, die durch die Einführung und zwei Dokumente der King Edward's School ergänzt werden, dürfte dies Ziel vielleicht etwas hochgegriffen sein. Die Beiträge (z.T. aus der Feder so renommierter Tolkienforscher/innen wie Tom Shippey oder Verlyn Flieger) können indes durchaus mit Gewinn gelesen werden. Wirklich neue philosophische Einsichten sollten allerdings nicht erwartet werden, da zu vielen der diskutierten Fragen wie Vorsehung, Macht, Tod etc. schon Forschungen vorliegen.

In der Einführung diskutieren die Herausgeber den Forschungsstand und bemängeln eine geringe Anzahl an Büchern und Aufsätzen, die sich mit philosophischen Fragen bei Tolkien auseinandersetzen. Während der allgemeine Befund durchaus zutreffend sein dürfte, weist die von ihnen angeführte und mithilfe gängiger bibliographischer Werke zu Tolkien erstellte Bibliographie doch (vermutlich aufgrund ihrer Suchmethode) in einigen Bereichen erhebliche Lücken auf: Beispielsweise fehlen die einschlägigen Beiträge aus der Tolkien Encyclopedia sowie einige Beiträge zur Willensfreiheitsdebatte (u.a. von Frank Weinreich in Hither Shore 1, Jason Fisher in Tolkien and Modernity 1, Verlyn Flieger in Tolkien Studies 6 und Thomas Fornet-Ponse in Tolkien Studies 7). Dies schränkt den Nutzen ihrer Bibliographie leider deutlich ein.

Der erste Beitrag ist ein Dialog zwischen Franco Manni und Tom Shippey, in dem Manni zunächst den Befund bezüglich der Nennungen von »Philosophie« und einzelnen Philosophen in Tolkiens Werk erläutert, was von Shippey mit Verweis auf die unterschiedlichen Denkweisen von Philologen und Philosophen begründet wird. In einem zweiten Schritt nennt Manni einige philosophische Überlegungen, die sich in Tolkiens Werk zeigen, was von Shippey mit Bezug auf Plato, Boethius und Robin Collingwood vertieft wird. Drittens nimmt Manni das Verhältnis von Philologie und Philosophie in den Blick und weist auf zahlreiche Zusammenarbeiten hin, worauf Shippey mit Rekurs auf die Spezialisierung in den Wissenschaftsdisziplinen sowie auf die Problematik von Quellenstudien antwortet. Viertens werden biographische Überlegungen zu Tolkiens Persönlichkeit angestellt, um schliežlich ausführlich das Thema der Vorsehung in Tolkiens Werk in den Blick zu nehmen. Dieses trägt nach Ansicht Shippeys deutlich boethianische Züge, sei aber durch den narrativen Kontext für viele Menschen besser nachvollziehbar bzw. klarer ausgedrückt als die abstrakte philosophische Spekulation.

Im zweiten Beitrag widmet sich Verlyn Flieger Tolkiens Sprachphilosophie bzw. genauer dem Verhältnis von Sprache und Mythologie. Im Ausgang von On Fairy-stories diskutiert sie vor allem die Frage der Namengebung bzw. den Zusammenhang von Namen und Wesen, insbesondere am Beispiel Tom Bombadils, der Elben und ihrer Sprache bzw. ihren Benennungen sowie der Inschrift an den Toren Morias, und betont, wie Tolkien Sprache als Prozess verstehe und seine Praxis Vehikel für seine Philosophie sei.

Anschliežend findet sich der zweite Dialogbeitrag in diesem Band – von Andrea Monda und Wu Ming 4 – zur Frage, ob Tolkien ein katholischer Philosoph gewesen sei. Hierzu plädiert Monda zunächst dafür, der Begriff »katholischer Philosoph« treffe weniger auf Tolkien zu und möglicherweise auch nicht der des »katholischen Autoren«, während Wu Ming 4 Tolkien als Geschichtenerzähler charakterisiert. Vor diesem Hintergrund diskutiert Monda die Hobbits und die Rolle »kleiner Leute« für die »grože Geschichte« als Tolkien-Erfindung, wobei sich eine gemeinsame Präsenz von Paganismus wie Katholizismus finde. Wu Ming 4 nimmt die meta-narrativen Kommentare in den Blick und sieht darin »a virtuous cycle between past, present, and future which has narration at its centre« (107). Schliežlich betont Monda die Bedeutung des Themas der Freude für die Geschichte und insbesondere ihr Ende, während Wu Ming 4 eher das Thema des Mutes und der Macht hervorhebt. Wenngleich ihre Erläuterungen interessante Aspekte hervorheben bzw. deutlich machen, verbleiben ihre jeweiligen Ausführungen recht monologisch, da nur sehr begrenzt argumentativ aufeinander eingegangen wird.

Der letzte Aufsatz stammt von Christopher Garbowski und widmet sich der Frage nach Tolkiens Philosophie und Theologie des Todes mit einem klaren Schwerpunkt auf theologischen Erwägungen. Er nimmt dabei eine sehr breite Perspektive ein, nämlich die von Tolkiens Verständnis des Lebens als auf ein Ziel hin geordnet und in einer Theologie der Narrative verortet.

Den Abschluss machen zwei von Giampaolo Canzonieri zusammengestellte und eingeleitete Dokumente aus der King Edward's School: das Curriculum zu Beginn des 20. Jh. und ein kurzer Bericht über die Prüfungsergebnisse in Alter Geschichte mit namentlicher Nennung u.a. von Gilson und Tolkien.

Angesichts dieser thematischen Akzentsetzungen der Beiträge erscheint der Anspruch, ein wesentliches Referenzwerk für die Frage von Tolkien und Philosophie sein zu wollen, doch einiges zu hoch gegriffen, bleiben doch viele wesentliche philosophische Fragen unerwähnt. Dies schmälert indes nicht die grundsätzliche Qualität der einzelnen Beiträge. Allerdings hätte das eine oder andere Argument noch stärker in Auseinandersetzung mit bereits bestehenden Überlegungen profiliert werden können.

Thomas Fornet-Ponse

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